Das Thermometer auf dem Gipfel des Passo Giau lügt nicht: Die Hitzewelle, die Südtirol diesen Juli heimsucht, wird die 39. Auflage der Maratona dles Dolomites in einen regelrechten Asphaltkessel verwandeln. Das ist keine bloße Vermutung; die Daten der Wetterstationen in Alta Badia prognostizieren Temperaturen von fast 30 Grad auf über 2.000 Metern Höhe – ein Szenario, das jede herkömmliche Hydrierungsstrategie bei einem Rennen sprengt, bei dem der Asphalt normalerweise ein Verbündeter und kein glühender Feind ist.
Die 138-Kilometer-Wand und der thermische Faktor
Die Maratona-Strecke mit ihren 138 Kilometern und brutalen 4.230 Höhenmetern präsentiert sich in diesem Jahr als Hitzefalle. Die Puristen des Watt-pro-Kilogramm-Verhältnisses wissen, dass die anfängliche Sellaronda-Kette – Campolongo, Pordoi, Sella und Gardena – nur ein trügerischer Prolog ist. Der wahre Scharfrichter wird der Passo Giau sein. Mit seinen 9,9 Kilometern bei einer durchschnittlichen Steigung von 9,3 % wird dieser Koloss unter einer gnadenlosen Sonne bezwungen, die den Puls in die Höhe treibt und bei all jenen, die den Windschatten in den Tälern nicht klug nutzen, für den Mann mit dem Hammer sorgen wird.
Belastungssteuerung auf den Kurzdistanzen
Selbst für diejenigen, die sich für die 106 Kilometer lange Middle Course oder die explosive Sellaronda Course über 55 Kilometer entschieden haben, hat sich die Natur der Herausforderung verändert. Es geht nicht mehr nur darum, den Passo Valparola würdevoll zu bezwingen, sondern einen metabolischen Kollaps zu vermeiden. Die Organisation hat die Verpflegungsstationen verstärkt, da sie wissen, dass das Zeitlimit an der Mür dl Giat (Katzenmauer) mit Rampen von 19 % für hunderte Radfahrer, die mit überhitztem Motor ankommen, der Point of No Return sein wird.
Im Feld der Favoriten beobachten die Dominatoren der europäischen Gran-Fondo-Szene die relative Luftfeuchtigkeit genau. Der Streckenrekord wackelt – nicht aus Mangel an Beinen, sondern weil schmelzender Asphalt und der Mangel an frischem Sauerstoff in den Kehren des Pordoi eine deutlich konservativere Fahrweise erzwingen. Der Sieg an diesem Sonntag in La Villa wird nicht dem Stärksten gehören, sondern demjenigen, der es am besten versteht, seinen Organismus im Freilichtmuseum der Dolomiten am Limit zu kühlen.