Saint-Félicien ist in dieser Woche kein gewöhnliches Dorf; es ist das Epizentrum einer freiwilligen Tortur, die im europäischen Kalender fast mythologische Ausmaße erreicht hat. Während das Profi-Peloton bereits Richtung Tour schielt, strömen tausende Jedermänner in die Ardèche, um sich einer Strecke zu stellen, die in ihrer Ultra-Version eine Zahl bietet, die jeden Biomechaniker schwindelig macht: 11.395 Höhenmeter. Das ist kein konventioneller Straßenradsport mehr, sondern eine 618 Kilometer lange Expedition, die den Hobbyfahrer vom echten Langstreckenspezialisten trennt.
Laktatmanagement im Zentralmassiv
Am Mittwoch, den 10., beginnt der wahre Kampf gegen die Uhr und die metabolische Erschöpfung. Die L'Ardéchoise Ultra zwingt zu einem chirurgischen Watt-Management, um nicht vorzeitig in den roten Bereich zu geraten. In einem Gelände, das die Einheimischen als ständiges Sägezahnprofil beschreiben, gibt es keine zwanzig Kilometer langen Pässe, dafür aber eine Aneinanderreihung von giftigen Anstiegen, die jeden Rhythmus brechen. Der Schlüssel liegt in diesem Jahr in der wechselhaften Witterung der Region Auvergne-Rhône-Alpes, wo Gewitter am Nachmittag die technischen Abfahrten nach Saint-Félicien in wahre Rutschbahnen verwandeln können.
Der Samstag der Mauern: 221 Kilometer pure Bestrafung
Für diejenigen, die den Ruhm an einem einzigen Tag suchen, ist der 13. Juni der Tag der Abrechnung. Die Königsdisziplin an einem Tag, L'Ardéchoise (1 jour), ist mit ihren 4.270 Höhenmetern der Gradmesser für die Form des Amateur-Pelotons. Die Leichtbau-Puristen schauen gespannt auf den L'Ardéchoise Vélo Marathon (AVM), der die Qualen auf 276 Kilometer ausdehnt. Hier rettet kein Windschatten die Beine; die durchschnittliche Steigung der Rampen in der Ardèche verlangt Bergübersetzungen und eine Leidensfähigkeit, die man sich nur durch tausende Kilometer Wintertraining erarbeitet.
Selbst auf kürzeren Distanzen wie La Volcanique oder Les Boutières gönnt das Profil keine Atempause. Die 3.260 Höhenmeter der erstgenannten sind eine Falle für jeden, der die 177 Kilometer unterschätzt. Der raue Asphalt der Gegend, dieser französische 'Goudron', der bei jedem Tritt die Energie aufzusaugen scheint, wird der ultimative Schiedsrichter sein. An der Startlinie spricht man von persönlichen Bestzeiten, davon, den psychologischen 'Mann mit dem Hammer' bei Kilometer 200 zu bezwingen und den Hungerast an den letzten Wellen vor dem Ziel in Saint-Félicien zu vermeiden, wo für alle, die dieses Labyrinth aus Asphalt und Höhenmetern bezwingen, die Zeit stillsteht.