Die Uhr am Place du Triangle de l'Amitié lügt nicht, und dieses Jahr hat sie den Streckenrekord von Stian Angermund fest im Visier. Die eigentliche Nachricht im Tal ist nicht die Größe des Events, sondern die technische Besessenheit von Rémi Bonnet, die 3:35:04 beim 42km du Mont-Blanc am kommenden Sonntag zu zertrümmern. Der Schweizer reist in einer unverschämten Form an, nachdem er seine Vorbereitung in der Höhe perfektioniert hat. In Chamonix wird gemunkelt, dass seine Wattwerte am Berg für ein Rennen dieses Kalibers jenseits jeder Logik liegen.
Angriff auf die Vallorcine-Barriere
Der Schlüssel dieser Edition liegt in dem Beinbrecher-Abschnitt zwischen Argentière und Vallorcine. Es ist nicht nur eine Frage der Lunge, sondern des Laktatmanagements, bevor der brutale Aufstieg nach La Flégère ansteht. Mit insgesamt 2540 Höhenmetern ist der 42km zum Epizentrum der Golden Trail World Series geworden und hat sogar das mediale Interesse an der Ultradistanz verdrängt. Das Duell zwischen Bonnet und der kenianischen Armada um Philemon Kiriago verspricht ein mörderisches Anfangstempo, das das Feld schon vor der Rennhälfte in Stücke reißen könnte.
Vertikale Agonie und Ultra-Ausdauer
Während der Fokus auf dem Marathon liegt, erfolgt am Freitag der Startschuss für den Kilomètre Vertical. Hier werden Stocktechnik und Lungenkapazität auf nur 3,8 Kilometern purer Wand bis ans Äußerste getrieben. Es ist der technische Vorgeschmack für Skyrunning-Puristen, die den totalen Muskelkollaps in weniger als 40 Minuten suchen. Auf der anderen Seite erwartet die Läufer des 90km du Mont-Blanc ein technisches und exponiertes Gelände, das bei den Hitzevorhersagen in den tieferen Lagen den Übergang am Emosson in ein echtes Dehydrierungs-Martyrium verwandeln wird.
Der 23km du Mont-Blanc und der nächtliche Duo Étoilé dienen als Gradmesser für den Zustand der Trails, die trotz der Regenfälle im Frühjahr schnelle und kompakte Wege bieten. Die Augen der Performance-Analysten sind jedoch auf den Posettes-Pass gerichtet. Sollte Bonnet dort mit drei Minuten Vorsprung auf den aktuellen Rekord oben ankommen, betreten wir Neuland im modernen Trailrunning. Der Mann mit dem Hammer auf den letzten Kilometern wird entscheiden, ob wir eine historische Bestmarke erleben oder ob die französische Höhe jeden Athleten wieder in seine Schranken weist.