Fünftausendvierhundert Höhenmeter auf nur 170 Kilometern sind keine Statistik, sondern eine Kriegserklärung an die 16.000 Radsportler, die diesen Sonntag in Le Bourg-d'Oisans an den Start gehen. Diese Ausgabe der L'Étape du Tour de France ist kein gewöhnliches Jedermann-Rennen; sie ist die exakte Kopie der Königsetappe der Profi-Tour. Das Amateur-Peloton kämpft gegen ein Thermometer, das am Fuße der Anstiege die 38-Grad-Marke knacken könnte. Die eigentliche Nachricht ist nicht die Massenbeteiligung, sondern das Energiemanagement bei einer Abfolge von Pässen, die kaum Zeit für feste Verpflegung lässt: Glandon, Croix de Fer und der Schlussaufstieg zum Mythos der 21 Kehren.
Der Glandon als vorzeitiger Scharfrichter
Viele werden den Fehler begehen, nur auf das Profil von Alpe d'Huez zu starren, doch die Todesfalle lauert am Col du Glandon. Mit seinen unregelmäßigen Rampen und Abschnitten von über 10 % ist dieser savoyische Riese ein echter Beinbrecher für alle, die zu früh versuchen, Profi-Wattwerte zu treten. Die Gefahr, dass der Mann mit dem Hammer noch vor dem Gipfel des Croix de Fer zuschlägt, ist real – besonders bei der drückenden Feuchtigkeit im Tal. Biomechanik-Experten warnen bereits: Wer die anaerobe Schwelle vor den ersten 80 Kilometern überschreitet, wird den Schlussanstieg mit leeren Glykogenspeichern und völlig ausgebranntem Nervensystem erreichen.
Kampf um den Amateur-Rekord
An der Spitze wird ein echtes World-Tour-Tempo gefahren. Es wird gemunkelt, dass mehrere Ex-Profis und Gran-Fondo-Spezialisten eine Zeit unter 5 Stunden und 15 Minuten anpeilen. Das würde bedeuten, den letzten Berg in unter 45 Minuten zu bezwingen – und das nach bereits 4.000 absolvierten Höhenmetern. Der Asphalt der Alpen, der dieses Jahr frisch asphaltierte Abschnitte aufweist, die die Hitze extrem speichern, wird ein entscheidender Faktor für die Traktion und die Temperatur der Schlauchreifen sein. Es gibt keine Gnade und keine technischen Abfahrten zur Erholung; die Strecke ist pure vertikale Bestrafung. Die Hydrationsstrategie entscheidet über den Triumph am Gipfel oder das Aus am Straßenrand von Kurve 10.